GUANGZHOU
Gedrängel, Spucken, Ellenbogen
Von Peter Kruse
Übersicht

Ich gebe zu bedenken:

In vielen Situationen erscheinen die Chinesen uns als in gewisser Weise rückständig, deswegen meinen wir, ihnen überlegen zu sein und sie belehren zu müssen. Dabei vergessen wir, dass wir es sind, die in ihrem Land zu Gast sind und dass das Miteinander von Ausländern und Chinesen – zumindest auf Geschäftsebene - ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist. Keiner kann ohne den jeweils anderen. Anstatt gegen das, was hier im Land Gang und Gebe ist, anzukämpfen, sollte unser Schwerpunkt mehr in der positiven Anpassung und in der Bereitschaft liegen, die Zeit in China als eine gute Chance zu sehen.

Die Chance, eine gute und erfüllte Zeit hier zu leben, erhöht sich mit der Bereitschaft, die „kritische Brille“ abzusetzen und den Fokus auf Dinge zu richten, die einem liegen. Denn wenn man sich umschaut, gibt es vieles – besonders in einer Stadt wie Guangzhou – das man lernen oder erstmal einfach nur ausprobieren kann. Kurse, die man besuchen und sogar Lehrgänge, die man absolvieren kann. Als oberste Priorität, gerade für diejenigen, die nicht von morgens bis abends in einem Büro arbeiten, die sich den Alltag vielmehr selbst gestalten können, sollte sein, sich Beschäftigungen, Hobbies, Interessen zu suchen.

Erst wenn es einem gelingt, den Fokus wegzulenken von Ärger, Unbehagen und Frust auf die Chinesen und das chinesische Leben, ist man freier und offener für all die Chancen und Möglichkeiten, die das Leben uns hier bietet. Eine gute Übung ist auch, einmal einen ganzen Tag lang jeden, der einem persönlich begegnet (Kellner, Masseurin, Verkäuferin, Taxifahrer,…) anzulächeln – man wird sich wundern, wie viel Wärme und Freundlichkeit man da erfährt.

Die Chinesen sind uns Ausländern gegenüber ebenso befangen wie wir Ihnen gegenüber. Nicht zuletzt hilft es, sich darüber klar zu werden, dass die Chinesen nur im Alltag und im anonymen Miteinander so – aus unserer Sicht – manchmal grob erscheinen. Sie haben als Arbeitnehmer/innen oft einen sehr langen Arbeitstag, sehr lange Anfahrtzeiten im Bus und Zug und noch Familie inklusive Schwiegereltern zu Hause. Da ist es kein Wunder, dass manche, ebenso wie wir, nicht die Freundlichsten sind.

Sobald sie in einer persönlicheren Beziehung zu jemandem stehen, gelten Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und andere menschliche Tugenden. Dies erfährt man besonders, wenn man länger an ein und demselben Ort lebt und dort nach einiger Zeit die Obstverkäuferin, den Wächter in der Parkgarage oder auch den Kellner in einem bestimmten Restaurant so gut „kennt“, dass sich ein fast freundschaftlicher und äußerst hilfsbereiter Umgang entwickelt. Versuchen Sie es einfach.

Peter Kruse ist evangelischer Theologe, Volkswirt und Psychotherapeut. Von 2007 bis 2013 als evangelischer Pastor in der Deuschsprachigen Kirchengemeinde Shanghai (DCGS) sowie als Coach und Therapeut für die AHK und Bosch tätig, berät Peter Kruse nun vom Standort Würzburg aus deutschsprachige Expats in China sowie Rückkehrer aus China/Asien. Mehr zu Peter Kruse in seinem kanton.pro Communityprofil.


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