GUANGZHOU
Roman: Die Rebellin von Shanghai (4)
Von Tereza Vanek
Übersicht

Rechts: Der Hongkew (Hongkou) Market um 1900
„Sie trifft sich schon wieder mit diesem Engländer, nicht wahr?“, sagte Jinzi und warf das Shen Bao, Shanghais einzige in chinesischer Sprache gedruckte Zeitung, auf den Tisch, nachdem Viktoria eingetreten war.

„Sie sollte vor fast zwei Stunden aus der Schule zurückgekommen sein. Ich werde ein ernstes Wort mit ihr reden, wenn sie endlich auftaucht.“

Viktoria hörte sehr deutlich, wie viel Sorge er mit seinem verärgerten Tonfall zu verbergen suchte. Schweigend legte sie ihren wollenen Schal ab. Es war Ende Oktober und heute hatte erstmals ein eisiger Wind durch die Straßen geweht. Sie sah, dass ihr Hausdiener bereits den Kaffee vorbereitet hatte, und füllte selbst eine der bereitstehenden Tassen, um sie ihrem Mann zu überreichen. Das Trinken von Kaffee gehörte zu den westlichen Gewohnheiten, die er von ihr übernommen hatte.

„Wie lange wartest du denn schon zu Hause?“, fragte sie so unverbindlich wie möglich.

„Ungefähr eine Stunde. Ich war mit Dewei im Teehaus. Er hat mir erklärt, wie er unser Geld weiter anzulegen gedenkt. Der Kleine ist schlau, den hast du gut hinbekommen. Unsere Tochter hingegen …“

„Vielleicht war sie ja in der Zwischenzeit hier und musste wieder weg, weil … du weißt doch, wie sehr sie dieses russische Mädchen unterstützt, damit es schnell Englisch lernt und in der Schule weiterkommt.“

Anastassia konnte sie Jinzi gegenüber unbesorgt erwähnen. Charlotte hatte diese schüchterne Freundin bereits mehrfach mit nach Hause mitgebracht. Sie zeigte keinerlei Scheu, vor einem Eurasier in chinesischer Kleidung höflich zu knicksen, und hatte ihn mit ‚Sir‘ angeredet, bis er selbst sie aufforderte, damit aufzuhören.

„Der alte Wang sagt, dass sie nicht hier gewesen ist“, kam es missmutig zurück. Viktoria seufzte innerlich. Sie wusste, dass dieser Diener, der gleichzeitig Jinzis Freund war, ihn nicht anlügen würde.

„Ich bin mir sicher, dass sie bald kommt“, sagte sie sanft und füllte die Kaffeetassen mit Milch. „Lass mich dann bitte mit ihr reden. Sie sollte wirklich nicht länger wegbleiben als ausgemacht.“

Jinzi schubste die Zeitung nun aufs gepolsterte Sofa, denn sie nahm auf dem kleinen, chinesischen Tisch unnötig viel Platz weg. Er streckte Viktoria seine Hand entgegen und sie folgte erleichtert der Aufforderung. In verärgerter Stimmung konnte er ziemlich unleidlich werden, doch schien er auch nach dreizehn Jahren gemeinsamen Lebens noch froh, sie an seiner Seite zu wissen. Manchmal staunte sie selbst, wie es ihr gelungen sein konnte, einen Mann, dem auf der Straße fast alle chinesischen Mädchen hinterhersahen, auf Dauer an sich zu binden.

„Im Waisenhaus wurden heute fünf kleine Jungen aufgenommen“, erzählte sie. „Sie standen einfach vor der Tür, und woher sie kommen, das konnten oder wollten sie nicht sagen. Ich dachte, vielleicht … also vielleicht willst du dich ein bisschen um sie kümmern.“


 
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