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Roman: Die Rebellin von Shanghai (3)
Von Tereza Vanek
Übersicht

Rechts: Junger Qing-Beamter im Rang eines Mandarins
Wenrou blätterte ohne echte Begeisterung in dem Buch, das vor mehreren Monaten aus Amerika eingetroffen war. War of the Worlds von H. G. Wells. Joshua hatte es ihm geschickt, der letzte seiner amerikanischen Freunde, der ihn noch nicht ganz vergessen hatte. Angeblich war es visionär, aufwühlend, eine Kritik an der modernen Welt, die Menschen nachdenklich stimmen musste. Er hatte zunächst auch mit Interesse zu lesen begonnen, doch schien es ihm ein Zeichen von Luxus, sich die Schrecken einer weit entfernten, möglichen Entwicklung gegenwärtiger Zustände auszumalen. Wer solche Texte schrieb, fühlte sich von der Gegenwart nicht bis zum Hals eingezwängt.

Wenrous Aufenthalt in Connecticut lag so weit zurück, dass die Eindrücke zu verblassen begannen. Er wusste nicht einmal mehr, ob er noch in der Lage wäre, den Regeln entsprechend Baseball zu spielen. Doch an die Freude, über feuchtgrüne Rasen zu rennen, als seien seinen Füßen Flügel gewachsen, daran erinnerte er sich noch; auch an lange Diskussionen mit Joshua und seinem Vater über Religion, Technik und Politik. Regelmäßig hatten sie aus luftigen, substanzlosen Gedanken neue Welten geschaffen. Dann aber war er zurückgeholt worden in eine Welt aus uralten Regeln, die zwar gebogen, aber nicht gebrochen werden durften.

Es war eine Heimkehr in die Fremde gewesen.

Wenrou legte das Buch weg, denn es verdüsterte seine Stimmung unnötig. Ihm fiel ein, dass er Joshua seit mehreren Wochen einen Brief schuldig war. Der große, schlaksige Junge mit der bleichen Haut eines Geistes und feuerrotem Haar musste schon lange zu einem Mann herangewachsen sein und hatte nun auch geheiratet. Eine Frau, die sich für Politik interessierte und für ihre Geschlechtsgenossinnen das Wahlrecht erkämpfen wollte, so hatte er seine Dorothy beschrieben. Man konnte mit ihr Whisky saufen, fluchen und über jedes erdenkliche Thema reden, ohne dass sie schockiert reagierte.

Ob es solche Frauen in China überhaupt gab? Wenrou ging davon aus, dass in einem riesigen Reich ein paar solcher Exemplare aufzutreiben wären, doch würde er aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung niemals mit ihnen in Berührung kommen. Er begriff allerdings nicht, warum dieser Umstand seine Laune noch weiter verdüsterte, denn er konnte sich nicht erinnern, jemals den Wunsch nach einer solchen Art von weiblicher Gesellschaft verspürt zu haben. Ihm gefielen jene zarten, sanftmütigen Wesen, die auf den Booten am Kanal in Beijing die Wünsche von Männern erfüllten. Eine Weile wenigstens hatten sie ihm gefallen, bis er sich mit ihnen zu langweilen begann.

Er drehte sich auf den Rücken und betrachtete den kunstvoll verzierten Baldachin über seinem Bett. Die lange Zeit ohne irgendeine sinnvolle Aufgabe tat ihm nicht gut, brachte seine Gedanken nur auf Abwege und ließ ein Loch in seinem Inneren entstehen, das all seine Energie in sich aufsaugte.


 
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